Zivilcourage. Empörte Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS. (Broschiert)
von Wolfram Wette


 
Denkmal für die unbekannten Retter und Helfer
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In dem Tagungsband &bdquoDie Täter der Shoah" (Göttingen 2002), erschienen im Rahmen der Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, fasst der Flensburger Historiker Gerhard Paul als ein Ergebnis neuester NS-Täterforschung zusammen: &bdquoKeine Alterskohorte, kein soziales und ethnisches Herkunftsmilieu, keine Konfession, keine Bildungsschicht erwies sich gegenüber der terroristischen Versuchung als resistent. Gemeinsam war ihnen allen der Verlust der Verwurzelung in einem verbindlichen humanitären Wertesystem."

Genau hier setzt die Fragestellung des vorliegenden Sammelbandes &bdquoZivilcourage" an, nämlich an der Motivation und charakterlichen Disposition ebenso wie an den situativen Umständen, die Menschen im Unrechtsstaat zu couragiertem, nonkonformem Handeln veranlassen und befähigen. Was motivierte die statistisch kaum fassbare Minderheit der &bdquoGoldkörnchen", den &bdquoriesigen Haufen historischen Schutts" der NS-Diktatur zu überstrahlen - trotz des Anpassungsdrucks und aller Risiken? Dieser Frage haben sich der Freiburger Historiker Wolfram Wette und ein Team von Zeitgeschichtsforschern und Journalisten im Rahmen des im Jahr 2000 begonnen Forschungsprojekts &bdquoEmpörte, Helfer und Retter aus der Wehrmacht" gewidmet und gleichzeitig die Pflicht der Nachgeborenen erfüllt, wenigstens einige wenige der stillen Helfer dem Vergessen zu entreißen und ihnen den gebührenden Respekt zu erweisen.

Vorgestellt wird eine kleine Gruppe dieser Ausnahmeerscheinungen, 17 Biographien, darunter Persönlichkeiten wie die Angehörigen der studentischen Widerstandsbewegung &bdquoWeiße Rose", hier die Sanitätsfeldwebel Schmorell, Scholl, Graf, Wittenstein, Samüller und Furtwängler (Detlef Bald), deren Protest gegen die moralische Verworfenheit des NS-Regimes besonders durch die Kriegserfahrungen in Russland seine eindeutige, mutige Konsequenz gewann, oder der Major Karl Plagge (Marianne Viefhaus), Kommandeur eines &bdquoHeereskraftfahrparks" im litauischen Wilna, der die Möglichkeiten dieser Funktion nutzte, um Juden als Arbeitskräfte anzufordern und dadurch vor der Deportation und Ermordung zu bewahren. In ähnlicher Weise gelang es dem Hauptfeldwebel Hugo Armann (Olaf Meuther) im weißrussischen Baranowicze einige Juden durch ihre Beschäftigung in seiner Schreibstube bzw. durch Fluchthilfe zu retten.
Eine tiefe religiöse Verwurzelung war für zwei ansonsten sehr unterschiedliche Menschen Maßstab ihrer humanitären Ausrichtung wie ihrer Gegnerschaft zum NS-Regime: Oberst Rudolf Graf Marogna-Redwitz und Leutnant Michael Kitzelmann. Graf Marogna-Redwitz (Detlef Vogel), Chef der Abwehrstelle Wien, rettete Juden und andere verfolgte Personen unter anderem dadurch, dass er ihnen falsche Identitäten als V-Leute der Abwehr verschaffen ließ. Im Fall eines geglückten Attentats am 20. Juli 1944 war Marogna-Redwitz für eine führende Funktion im neu zu ordnenden Staatswesen vorgesehen. Im Oktober 1944 wurde er vom Volksgerichtshof wegen &bdquoHoch- und Landesverrats" zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Den gläubigen Katholiken Michael Kitzelmann (Jakob Knab) haben die bedrängenden Kriegserfahrungen zum entschiedenen Kriegshasser werden lassen. Seine leidenschaftliche Verdammung der Gräuel des Vernichtungskrieges und ihrer Urheber brachten ihm das Todesurteil wegen &bdquoWehrkraftzersetzung" ein.

Ob nun religiöse, pazifistische, adelig-ritterliche oder rein humanitär-menschliche Motive jeweils den Ausschlag für den Rettungswiderstand gaben - in vielen Fällen ist es zweifellos ein Zusammenspiel verschiedenster Wertorientierungen. Ihnen gemeinsam ist der Glaube an Recht und Gerechtigkeit und die unbedingte Achtung vor der Menschenwürde.

&bdquoHerzhaftigkeit ist bloß eine Temperamentseigenschaft. Der Mut dagegen beruht auf Grundsätzen und ist eine Tugend", postulierte der große Philosoph Immanuel Kant. Der von Wolfram Wette zusammengestellte Band &bdquoZivilcourage" beweist diese Wahrheit eindrucksvoll. Fazit: Unbedingt lesenswert.
Eine Rezension von "monikamuggli"
vom 17. Mai 2004
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